Kulturreflexionen aus berufenem Munde
Allgemein, Museum, Politik Kommentar (1)
In der Barfüßerkirche hielt Eva Leipprand, Bürgermeisterin, am 18. Januar eine sog. Kanzelrede über das Thema „Kulturwesen Mensch: Prägungen und Perspektiven“. Die Einladung dazu kam vom Augustana-Forum, das derzeit den Schwerpunkt „Ein neues Bild vom Menschen?“ behandelt. Pfarrer Colditz führte ins Thema ein, nicht mit Bibel, sondern mit Kant: „Was ist der Mensch? Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen?“
Eva Leipprand widerstand in ihrem Vortrag zwei (oder drei) Versuchungen: sie hielt keine Wahlrede, sie bezog sich nicht auf ihre eherne protestantische Familienherkunft (über die sie kürzlich sehr intelligent und anregend in der Süddeutschen Zeitung reflektiert hatte), und sie wich auch (fast) nicht auf literarisches Gebiet aus – außer bei der Einleitung, einer etwas dunklen Fabel von einem Straußenrudel, das den Kopf in den Sand steckte.
Was treibt den Menschen, sich kulturell auszudrücken? Leipprand sah drei Themenkomplexe:
- Kultur als Gesamtkomplex (Religion, Wissenschaft, Kunst, Moral usw.),
- Kultur im Ur-Sinn von „Land bestellen“, daher der Gegensatz Natur : Kultur,
- Zusammenhang von Kultur und Stadt, der Mensch als Stadtmensch, hier insbesondere als Augsburger.
zu 1: Sie stellte die kulturelle Vielfalt in den Vordergrund, in Übereinstimmung mit der Unesco-Resolution von 2005, die vom Augsburger Gemeinderat unterstützt wird. Angesichts des zunehmenden WarenÂcharakters der Kultur sei es von großer Bedeutung, dem Entstehen einer „globalen Monokultur“ entgegenzuwirken: „Andere Lebensweisen sind genauso viel wert“.
zu 2: „Die Haltung zur Natur ist eine Frage der Kultur“ – es gehe um eine Kultur der Nachhaltigkeit.
zu 3: Augsburg sei ein Musterfall einer europäischen Stadt. Innerhalb der Haushaltslogik des Gemeinderats werde Kultur als „freiwillige Leistung“ gesehen, und Kulturprojekte stünden immer unter genauer Beobachtung. Denn „wenn die Stadt sich verändert, ist man immer auch ein bisschen selbst mit gemeint“. Unter diesem Gesichtspunkt erwähnte sie u.a. Aphrodite-Streit und Fünffingerlesturm und betonte, allgemein gesprochen, dass die Stadt sich auch ändern müsse: „Wandel ist das Lebenselixir der Stadt“. Sie erinnerte daran, dass Elias Holl die Stadt „umgekrempelt“ hat, z.B. das alte Rathaus abgerissen – man denke! Sie ging auf wichtige bevorstehende Kulturereignisse in Augsburg ein, v.a. die Zarensilber-Ausstellung (in deren Begleitprogramm sowohl die heutigen Gold- und Silberschmiede als auch die heutigen Russen eine wichtige Rolle spielen werden): „Wir wollen und brauchen eine offene Stadt.“
Langer Beifall dankte ihr für sehr bedenkenswerte Ausführungen, die man hoffentlich bald nachlesen kann.
Michael Friedrichs am 22. 01. 2008
Folgend die Rede von Eva Leipprand im Originallaut (veröffentlicht durch Newsletter “23.01.2008 Neues aus dem Kulturreferat ” des Augsburger Kulturreferates):
Meine sehr geehrten Damen und Herren, lieber Herr Pfarrer Colditz,
ich freue mich sehr, dass ich hier auf der Kanzel der Barfüßerkirche stehen darf, einer besonderes eindrucksvollen unter den vielen Kirchen dieser Stadt. Sie bildet die Geschichte Augsburgs ab in ihren großen und in ihren dunklen Tagen, sie ist heute nur noch Fragment der einstigen reichen Franziskanerkirche. Aber immer noch beherbergt sie mit den Werken von Georg Petel herausragende Zeugnisse ihrer Kultur, sie war die Taufkirche von Bertolt Brecht. Ein sehr geeigneter Ort, um über Kultur zu reden.
Zu Beginn möchte ich Ihnen eine kleine Geschichte erzählen.
Ein Straußenrudel rennt über die Steppe, dem Anführer hinterher. Der fordert seine Leute auf, anzuhalten. Er lauscht in die Ferne und erteilt dann den Befehl: „Verstecken! Feind im Anmarsch!“ Das Rudel folgt sofort. Alle stecken den Kopf in den Sand und warten. Wenig später trifft ein anderes Rudel Straußen ein. Auch hier gibt es einen Anführer, der seine Truppe da stoppt, wo sich das erste Rudel versteckt. Ratlos sieht er sich um: „Komisch, gerade waren sie noch hier!“
Das ist Kultur, meine Damen und Herren. Diese Straußen haben eine Vereinbarung getroffen: wer den Kopf in den Sand steckt, wird nicht ge-sehen. Dies ist ihre gemeinsame Strategie der Gefahrenabwehr, der Da-seinsbewältigung. Ein Symbol, ein Brauch, eine Regel, die sie alle kennen. Sie nutzen sie, sie verstehen sie, wenn andere sie nutzen. Sie geben sie weiter an ihre Nachkommen. Sie bewegen sich innerhalb des gemeinsamen Orientierungssystems, in dem sie ihr Leben gestalten und ihm einen Sinn geben. Und dieses Orientierungssystem funktioniert! Zumindest bei der Gruppe, die es teilt. Was andere denken, ist eine andere Sache.
Ich soll heute aber, meine Damen und Herren, nicht über Straußen reden, sondern über das Kulturwesen Mensch. Da sind wir aber schon, denn unsere Geschichte ist natürlich zoologisch nicht haltbar. So dumm sind die Straußen nicht, dass sie den Kopf wirklich in den Sand stecken. In dieser Geschichte sollen Menschen wie in einer Karikatur ihr eigenes Verhalten wiedererkennen. Reden wir also über das Kulturwesen Mensch.
Ich war in den ersten Januartagen wie jedes Jahr in Kloster Irsee zu einer Autorenwerkstatt. Da sitzen lauter erwachsene Menschen in einem geschlossenen Raum und zahlen noch dafür und machen drei Tage nichts anderes, als an ihren Wörtern und Sätzen herumzufeilen, so lange, bis sie ihnen gefallen. Warum macht der Mensch das? Warum hat er seine Höhlen bemalt, seine Wassergefäße mit geometrischen Mustern ge-schmückt, warum hat Bach die H-Moll-Messe komponiert? Warum Mozart seine Entführung, und warum reden wir jetzt überall in der Stadt darüber, wie man dieses Stück inszenieren soll? Warum brauchen junge Leute unbedingt Raum im Kulturpark West zum Üben mit ihren Bands?
Was treibt den Menschen, sich kulturell auszudrücken? Will er etwas schaffen über seine Zeit hinaus? Unsterblich werden? Nehmen wir das Kulturwesen Mensch zunächst einfach so, wie Kant es beschreibt, als ein Wesen, das sich selbst bildet. Der Mensch will nicht so sein, wie er ist. Er will über sich selbst hinaus.
Viel weiter will ich nicht gehen bei dem Versuch, zu definieren, was Kultur heißt – damit könnte man Regalmeter füllen. Ich will nur drei Gesichts-punkte herausgreifen, die dann im Folgenden auch drei Akzente setzen sollen. Es sind dies Punkte, die mir bedeutsam erscheinen für meine Arbeit als Kulturreferentin.
Zum ersten wird unter Kultur meist ein Gesamtkomplex verstanden, der Religion, Wissenschaft, Kunst, Moral, Gesetze, Gewohnheiten und Gebräuche enthält, die der Mensch als Teil einer Gesellschaft erlernt und auch an die nächsten Generationen weitergibt. Dies zeigt die Straußen-geschichte; sie zeigt aber auch, dass es unterschiedliche Ausprägungen solcher Orientierungssysteme gibt und geben muss; keines wird die Welt als Ganzes erfassen. Wir werden uns also überlegen, ob und wie es ge-lingen kann, die unterschiedlichen Antworten, die die Kulturen auf die Fragen der Welt gefunden haben, am besten für alle nutzbar zu machen.
Zum zweiten kommt Kultur bekanntlich aus dem Lateinischen und be-deutet, das Land bestellen. Daraus hat sich die Denkfigur eines Gegensatzes von Natur und Kultur ergeben und über lange Epochen hin ge-halten. Macht euch die Erde untertan. Die Frage wird sein, ob dies heute noch gültig ist.
Und zum dritten wird Kultur immer in engem Zusammenhang mit der Stadt gesehen. Seit den frühen Hochkulturen im Vorderen Orient sind die Städte der Ort, wo sich in der Dichte des Zusammenlebens der Menschen Kultur dynamisch entwickelt und neue Formen hervorbringt. Hier wollen wir das Kulturwesen Mensch als Augsburger erkennen und fragen, wozu dieses Wesen Kulturpolitik braucht und was für eine das sein soll.
1.
Das Kulturwesen Mensch hat sich mit der Kultur in allen ihren Ausdrucks-formen ein Wert- und Orientierungssystem geschaffen. Das scheint – nicht nur in der Straußengeschichte – selbstverständlich. Im Fortschreiten der Globalisierung droht dies aber in Vergessenheit zu geraten. Der Warencharakter von Kunst und Kultur nimmt zu. Hier tut sich eine ganz konkrete Gefahr auf. Wenn auf der Ebene der Welthandelsorganisation der Handel mit Dienstleistungen grenzüberschreitend immer weiter liberalisiert werden soll und die Kultur dabei als Ware betrachtet wird, dann wird sie bald ganz dem Diktat des Wettbewerbs ausgeliefert. Sind Zuschüsse dann als Subventionen anzusehen und als nicht marktgerecht abzulehnen?
Dass hier eine enorme Gefahr für unsere Kulturlandschaft lauert, liegt auf der Hand. Schon allein deshalb ist es von enormer Bedeutung, immer wieder zu betonen, dass Kultur, wie wir gesagt haben, weit mehr ist als ein Wirtschaftsgut. Die Bundesregierung hat im März 2007 das Abkommen der UNESCO zum Schutz der kulturellen Vielfalt unterzeichnet. Darin heißt es: „kulturelle Aktivitäten, Güter und Dienstleistungen (haben) sowohl eine wirtschaftliche als auch eine kulturelle Natur (,..), da sie Träger von Identitäten, Werten und Sinn sind, und daher nicht so be-handelt werden dürfen, als hätten sie nur einen kommerziellen Wert.“ Kernstück des Übereinkommens ist daher das Recht eines jeden Staates, regulierende und finanzierende Maßnahmen zu ergreifen, um die Vielfalt der kulturellen Ausdrucksformen zu schützen, und das gilt sinngemäß auch für eine Stadt.
Die Straußengeschichte hat uns darauf aufmerksam gemacht, das wir uns nicht auf das kulturelle Orientierungssystem einer einzigen Gruppe beschränken dürfen. Der Artikel 1 der Allgemeinen Erklärung zur kulturellen Vielfalt der UNESCO formuliert dies in Sätzen, die man gar nicht of genug zitieren kann:
„Im Laufe von Zeit und Raum nimmt die Kultur verschiedene Formen an. Diese Vielfalt spiegelt sich wieder in der Einzigartigkeit und Vielfalt der Identitäten, die die Gruppen und Gesellschaften kennzeichnen, aus denen die Menschheit besteht. Als Quelle des Austauschs, der Er-neuerung und der Kreativität ist kulturelle Vielfalt für die Menschheit ebenso wichtig wie die biologische Vielfalt für die Natur. Aus dieser Sicht stellt sie das gemeinsame Erbe der Menschheit dar und sollte zum Nutzen gegenwärtiger und künftiger Generationen anerkannt und bekräftigt werden.“
Das sind große weltumspannende Worte, meine Damen und Herren, das ist aber auch eine große Herausforderung für das Kulturwesen Mensch. Da hat man sich nun innerhalb einer Gruppe oder einer Gesellschaft ein gemeinsames Wertesystem geschaffen, um sich Sicherheit und Orientierung zu gewährleisten, schöne Zeichen und Symbole entworfen, sich vieles auch versagt, um dem System zu entsprechen, um darin etwas zu gelten, hat auch die Kinder in diesem Sinne erzogen, und nun soll auf einmal eine andere Lebensweise genauso viel wert sein? Diese Erkenntnis ist eine Zumutung, die der Mensch aber aushalten muss, ins-besondere in der globalisierten Welt. Anders gibt es keinen Frieden, und wir brauchen auch in der Kultur, was man neudeutsch diversity nennt. Eine globale Monokultur wird uns das Überleben nicht sichern.
Wenn aber der Mensch, wie Kant sagt, ein Wesen ist, das sich selbst bildet, das über sich selbst hinaus will, dann wird ihm das auch gelingen und er wird, indem er seine eigene Kultur in ihrer Besonderheit erhält, die kulturelle Vielfalt als Gewinn und Quelle der Kreativität erleben.
2.
Der Gegensatz zwischen Natur und Kultur. Der ist bei näherem Hinsehen schon grundsätzlich nicht zu halten. Wenn ich zum Beispiel an die immer heißeren Sommer denke und an mein Büro in der Maximilianstraße, und wie dort bei uns der Wunsch wächst, endlich aus den südlichen Ländern das Kulturgut Siesta zu übernehmen. Oder wenn ich mich erinnere, was ich auf einer Israelreise über die Nomaden erfahren habe. Deren aus-geprägte Kultur der Gastfreundschaft sichert dort in der Wüste das Über-leben. Die kulturellen Formen und Werte entstehen verknüpft mit den natürlichen Gegebenheiten.
Umgekehrt greift der Mensch in die natürlichen Zusammenhänge ein. In seinem Drang, sich zum Herrn über die Natur zu machen, ist er inzwischen gefährlich weit gegangen. Die Folgen sind bekannt, die Klima-forschung führt sie uns wie ein Menetekel vor Augen.
Die Haltung zur Natur ist immer auch Ausdruck der grundsätzlichen Einstellung einer Gesellschaft zu ihren Werten, Wünschen und Hoffnungen. Also eine Frage der Kultur. Wenn also im Selbstverständnis des Menschen als Teil der Schöpfung etwas aus dem Lot geraten ist, so ist es durchaus eine kulturelle Aufgabe, eine neue, zukunftsfähige Haltung zur Natur zu entwickeln. Dies bedeutet, nach allem, was gesagt wurde, eine bewusste Veränderung unseres Werte- und Orientierungssystems hin zu einer Kultur der Nachhaltigkeit. Um im Straußenbild zu bleiben: man sollte die Köpfe aus dem Sand holen und sich neue Strategien über-legen.
3.
Die enge Beziehung von Kultur und Stadt, hier natürlich Augsburg, Musterfall einer europäischen Stadt; und die Frage, was die vorgenannten Überlegungen unter 1. und 2. konkret für die Kulturpolitik in dieser Stadt bedeuten könnten.
Meine Damen und Herren, ich will hier keine Wahlrede halten und nicht von den Impulsen sprechen, die Kulturpolitik der Stadtentwicklung geben kann und in den letzten Jahren auch gegeben hat, von den Chancen für Tourismus und Kulturwirtschaft, für den Standort im globalen Wett-bewerb. Ich will mit einem eigenartigen Widerspruch beginnen, den ich in meiner Arbeit erlebe.
Bei den Haushaltsberatungen wird immer wieder gerne von der Kultur als einer freiwilligen Leistung gesprochen, was sie gegenüber den Pflichtaufgaben in eine Verteidigungsposition bringt. Und es ist ja so: Wir in der Kultur bauen keine Straßen, wir genehmigen nichts, wir transportieren nichts, wir geben keine Führerscheine aus, wir entsorgen kein Abwasser. Kultur ist, wie gesagt, der Bereich der Bilder und Symbole, der Wertungen und Deutungen, der Orientierung in der Welt. Dies ist bei Etatberatungen nicht einfach darzustellen. Ich will nicht undankbar sein, kulturelle Aufgaben haben in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen und entsprechenden Raum im Haushalt der Stadt eingenommen. Trotzdem: dass nun zum Beispiel im März diesen Jahres Rudolf Diesel seinen 150. Geburtstag hat und deshalb gefeiert werden muss und dafür Mittel notwendig sind, dies hat nicht überall unmittelbar Freude ausgelöst. Schon wieder Geld für die Kultur! Um diese Mittel musste ich kämpfen.
Was aber wäre, wenn wir dieses Jubiläum nicht gebührend inszenierten? Da wäre der öffentliche Aufschrei groß; da würden alle diejenigen auf die Barrikaden gehen – und zwar zu Recht! -, denen dieses Thema am Herzen liegt – die Technikgeschichte der Stadt, die Faszination der Maschine, das Genie des Erfinders, der große Name Diesel, mit dem sich auch überregional zu verbinden für Augsburg nur von Vorteil sein kann. Alle also, die ihre Stadt in diesem speziellen Lichte sehen wollen. Dass wir soeben Aufträge von mehreren Millionen Euro für die Sanierung der Ulrichsbrücke bewilligt haben, hat keinerlei öffentliches Echo ausgelöst. Und auch wenn so ein Brücken- oder Straßenbauwerk einmal etwas teurer wird, regt sich keiner auf. Kulturprojekte dagegen stehen immer unter genauer Beobachtung. Das Kulturwesen Mensch will sehen, ob es jeweils gemeint ist im Sinnsystem der Kultur in unserer Stadt, und es reagiert empfindlich, wenn sich die Akzente verschieben.
Dies erklärt manchen Aufruhr, zum Beispiel den um die Aphrodite. Da sollte den drei Renaissancebrunnen ein vierter Brunnen hinzugefügt werden, eine Frau den drei Männern, eine moderne Plastik den durch die Jahrhunderte als Wahrzeichen der Stadt legitimierten Figuren, da sollte der Blick auf die berühmten paritätischen Ulrichskirchen neu akzentuiert werden – diese Planung bedeutete einen tiefen Eingriff in die Symbolsprache unserer Stadt. Eine Stadtgesellschaft, die darüber nicht in Wal-lung gerät, die taugt nichts. Der ist ihre Stadt nichts wert. Und auch die Diskussion um den Fünffingerlesturm zeigt, wenn auch in viel kleinerem Maßstab, dass es den Menschen nicht gleichgültig ist, wie ihre Stadt sich entwickelt.
Ich will damit natürlich nicht sagen, dass Veränderungen nicht geschehen dürfen. Eine Gesellschaft, die rigide am Bestehenden festhält, kann sich nicht entwickeln. Elias Holl hat seinerzeit der Stadt ein völlig neues Gesicht gegeben, sogar das Rathaus abgerissen – man stelle sich das heute vor! Und doch wird der große Stadtbaumeister allseits verehrt, und keiner weint dem abgerissenen gotischen Bau eine Träne nach. Ich will darauf hinweisen, dass solche Veränderungen auch eine Verschiebung im kulturellen Orientierungssystem bedeuten und deshalb das Kultur-wesen Mensch zutiefst berühren – weil man, wenn sich in der Stadt etwas verändert, immer auch ein wenig selbst gemeint ist.
Deswegen ist es wichtig, dass sich eine Stadt sicher ist in ihrer Identität. Dass sie weiß, wer sie ist, und auch wie sie geworden ist, was sie ist, und was sie von anderen unterscheidet. Wenn wir von der Vielfalt der Kulturen als einem Gewinn sprechen, dann gehört auch unsere eigene dazu, die Unverwechselbarkeit unseres Stadtbildes, unserer Geschichte mit allem, was sie an kulturellem Erbe hervorgebracht hat. Deshalb war es notwendig, dass wir in den letzten Jahren uns auch aus der Geschichte heraus das kulturelle Profil unserer Stadt bewusst gemacht haben, in den Festivals, in der Neuordnung der Museen. Da erwacht dann doch ein bisschen Stolz auf die Schönheit und Bedeutung unserer Stadt, die uns allen gemeinsam gehört, ob wir alt sind oder jung oder ob wir eine Zuwanderungsgeschichte haben. Das kulturelle Erbe der Stadt hält uns zusammen, und jeder kann sich auf seine Weise darin gemeint fühlen.
Unser Textilmuseum zum Beispiel, das, wenn alles gut geht, in einem Jahr seine Tore öffnet. Das holt einen wichtigen Teil der Augsburger Geschichte aus dem Abseits, die Lebensgeschichte von tausenden von Augsburger Familien wird museumswürdig und als Teil der Identität dieser Stadt erkennbar.
Oder wenn wir am 24. Februar die große Zarensilber-Ausstellung eröffnen, dann geht es hier um einen großen Stolz der Stadt, die Kunst der Augsburger Goldschmiede. Neben den Prachtstücken aus der Rüstkammer des Kreml zeigen auch die Goldschmiede von heute ihre Kunstfertigkeit. Und wir haben Mitglieder der russischsprachigen Bevölkerung gebeten, uns dabei zu helfen, ein Begleitprogramm vorzubereiten und eine intensive Verbindung in ihren Teil der Stadtgesellschaft herzustellen. Dies ist auch und besonders ihre Ausstellung.
Und unser PAX-Projekt stellt die Erfahrung des Augsburger Religions-friedens all den unterschiedlichen Menschen in unserer Stadt zur Verfügung, und sie nutzen es sehr erfolgreich als Quelle des Austauschs, der Erneuerung und der Kreativität im Sinne der UNESCO-Erklärung.
Diese Beispiele zeigen, dass das kulturelle Erbe unserer Stadt nichts Statisches ist, sondern einem ständigen Wandel unterworfen. Der Wandel ist das Lebenselixier der Stadt, auch unserer Stadt, der Wandel des Stadtbildes, der Zusammensetzung der Bevölkerung, der Wandel der kulturellen Werte und Ausdrucksformen. Elias Holl hat die Stadt vom Mittelalter in die Renaissance verwandelt. Sein Zeughaus wiederum ist in sich Zeugnis des Wandels unserer Stadtgesellschaft über 400 Jahre. Es war zunächst als Waffenarsenal für die Verteidigung der Freien Reichsstadt gedacht, diente dann, dem Wechsel der Verhältnisse folgend, als Hauptfeuerwache und ist seit den achtziger Jahren ein Bildungs- und Begegnungszentrum, das der Bürgerschaft für ihre Treffen und Aktivitäten zur Verfügung steht. Kurz vor Weihnachten haben wir dort das Café International eröffnet, einen Treffpunkt für die türkischen Vereine und das deutsch-russische Smena-Projekt. Die bunt zusammengesetzte Gesellschaft im überfüllten Saal war gleichzeitig aufgeregt und festlich gestimmt. Der Festakt symbolisierte den kulturellen Wandel, der sich hier vollzog, in unserem alten Zeughaus, im Herzen der Stadt.
So ist das Kulturwesen Mensch in Augsburg ziemlich lebendig und in Bewegung. Wie kann ihm die Kulturpolitik bei seiner Entwicklung behilflich sein? Sie muss mithelfen, dass Veränderung und gesellschaftliche Entwicklung sich konstruktiv vollziehen. Denn der Wandel heißt auch immer Infragestellung des bestehenden Orientierungssystems in der Stadt und der jeweils eigenen Position darin. Die Kulturpolitik kann einen Rahmen für diese Entwicklung bieten und Plattformen zum Dialog, für Transparenz sorgen, sie kann moderieren und strukturieren und auch den einen oder anderen Anstoß geben. So wurde die Kulturpalette im Sommer 2003 ganz bewusst als eine Antwort auf die Aphroditendiskussion angeboten, als Kunst im öffentlichen Raum, die die Stadt verwandelt, aber nur für begrenzte Zeit, die zugleich eine Plattform bietet für die Begegnung und kulturelle Verwirklichung der Bürgerinnen und Bürger in der Stadt. Und wo es im Bereich der Kultur möglich war, wurden in den letzten Jahren Runde Tische eingerichtet und Kuratorien, damit der Wandel gemeinsam gestaltet werden kann.
So hat sich die Stadt auch nach außen geöffnet und hat sich dargestellt als Kulturstadt von Rang und ist in kulturellen Austausch getreten mit der bundesdeutschen Öffentlichkeit und darüber hinaus. Mit den neuen Museen, den großen Festivals, den vielfachen Beziehungen von Künstlerinnen und Künstlern aller Bereiche; und nun haben wir auch eine ganz wunderbare Diskussion im Theater und befinden uns im künstlerischen Austausch mit Kulturinteressierten im ganzen Land – wie inszeniert man Mozart heute? Was macht eine junge türkische Regisseurin aus der Entführung, aus einem gütigen Selim Bassa und seinem Serail? Großartig und spannend ist diese Debatte, und Augsburg ist mitten drin.
Wer diese Stadt mag oder auch liebt und ihr eine gute Zukunft wünscht, der muss sie weiterhin anregen, sich zu öffnen und sich ins Gespräch zu wagen mit unserem Land, mit Europa und der Welt. Sich öffnen heißt auch andere hereinlassen, sich messen lassen an Maßstäben, die anderswo gelten, heißt Verunsicherung, Verlassen der gewohnten Wege. Aber es lohnt sich und wir werden dabei nichts verlieren von unserem Fundament, dem reichen gemeinsamen Erbe. Im Gegenteil, es wird an Glanz zunehmen im kreativen Austausch mit dem kulturellen Reichtum der Welt.
Wir wollen und brauchen die offene Stadt, da kann das Kulturwesen Mensch im Kantschen Sinne immer weiter über sich hinauswachsen. Indem es in seinem eigenen Sinnsystem sicher gegründet sich öffnet für die Vielfalt der Kulturen, und indem es auch sein eigenes Verhältnis zur Natur überdenkt und neue Wege sucht zum besseren Leben im Einklang mit der Schöpfung. Das ist ja die Fähigkeit des Kulturwesens Mensch, die Zukunft in Kunst und Kultur zu entwerfen. Seine Gestaltungskraft und die Kraft der Zeichen und Symbole zu nutzen, um Orientierung für die Zu-kunft zu finden. Eine Stadt, in der sich diese Gestaltungskraft entfaltet, nennen wir heute Kreative Stadt. Das ist die Zukunft, die ich mir für Augsburg wünsche.