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PAX 2008: “Ortswechsel” – Grundlagen der Konzeption

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PAX2008“Ortswechsel” – so lautet der thematische Schwerpunkt für das Friedensfestprogramm PAX 2008. “Ortswechsel” bezieht sich auf einen Passus des Augsburger Religionsfriedens und lässt zugleich viel Raum für Aktualisierung: Das Thema beleuchtet die Geschehnisse um Flüchtlinge und Migration, es öffnet den Blick auf Vertreibung, auf (religiös motivierte) Suche u.v.m. “Ortswechsel” ist auch ein assoziativer Titel: Gemeint sind das Grenzen überschreiten, Exil suchen, das Chancen finden um einen anderen Ort.

GRUNDLAGEN DER KONZEPTION
Das im Augsburger Religionsfrieden verankerte ius emigrandi bildet die Grundlage der thematischen Konzeption für PAX 2008:

  1. Ius emigrandi und Augsburger Religionsfrieden
    Kernpunkte des Augsburger Religionsfriedens von 1555, mit dem eine reichsrechtliche Neuordnung zum friedlichen Zusammenleben der beiden christlichen Konfessionen vorgelegt wurde, sind unter anderem zwei Rechte: 1. das “ius reformandi”, d. h. das Recht des jeweiligen Landesherrn, die Konfessionszugehörigkeit in seinem Territorium verbindlich festzulegen (“cuius regio, eius religio”), und damit verbunden 2. das “ius emigrandi”, d. h. das Emigrationsrecht für andersgläubige Untertanen. Demnach war es Andersgläubigen (fallweise Katholiken oder Protestanten), die nicht zur Konfession ihres Landesherrn übertreten wollten, gestattet, in Länder ihres Glaubens auszuwandern.
    Zumindest Katholiken und Lutheraner (ausgenommen waren noch immer Reformierte und Freikirchler) erhielten damit – gegen Zahlung einer sog. Abzugssteuer – das freie Abzugsrecht. Auch wenn mit diesem Emigrationsrecht gleichzeitig ein Zwang – der zum “Ortswechsel” – verbunden war: Im Augsburger Religionsfrieden wurde ein Individualrecht festgeschrieben, das gerade im Vergleich zu anderen europäischen Staaten der Zeit, in denen Verfolgung, Vernichtung oder zumindest Einschränkung von Rechten Andersgläubiger an der Tagesordnung waren, als fortschrittlich bezeichnet werden muss.
    Das “ius emigrandi” von 1555 wurde vielfach als erstes allgemeines Grundrecht der deutschen Geschichte bezeichnet; es lenkt den Blick auf die Themen Emigration und Exil, Flucht, Vertreibung und Suche in aktuellen Zusammenhängen.
  2. Ortswechsel und Emigration: „Frag (nicht), warum ich gehe…“ (Robert Stolz)
    Im Fokus des Friedensfestprogramms PAX 2008 steht – ausgehend vom Augsburger Religionsfrieden – das Thema der EMIGRATION. Das heißt, in dem Programm geht es nicht um eine „Neuauflage“ oder wie auch immer geartete Position innerhalb der aktuellen Debatten um Zuwanderung und Integration von Migranten in Deutschland, sondern vielmehr um Wege zu einem grundsätzlicheren Verständnis: Warum überhaupt verlassen Menschen einen (realen oder inneren) Ort und machen sich auf den Weg?
  • Im Mittelpunkt der Auseinandersetzung stehen daher die vielfältigen Ursachen und Beweggründe des “Ortswechsels”, der (inneren) Emigration und Migration von Menschen sowie die daraus entstehenden Fragen (Heimat? kulturelle Zugehörigkeit? Anpassung? Identität?).
  • Im Mittelpunkt steht damit konsequent auch die Perspektive der Migranten: deren Erfahrungen, Selbstverständnis, (kulturelle) Ausdrucksformen. Der Rückbezug auf die Motive des (Aus-)Wanderns und des Aufsuchens neuer Welten im Allgemeinen ist ein entscheidender Beitrag zum erständnis von Geschichte und Gegenwart wie auch zum friedvollen Zusammenleben unserer multikulturell geprägten Gesellschaft.

PAX 2008: INHALTLICHE ZIELSETZUNGEN

  1. Ortswechsel und Menschenrechte
    Das “ius emigrandi” ist früher Vorläufer der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (verabschiedet und verkündet durch die Generalversammlung der Vereinten Nationen am 10.12.1948): „Jeder hat das Recht, jedes Land, einschließlich seines eigenen, zu verlassen und in sein Land zurückzukehren.“ (Art. 13, 2) und „Jeder hat das Recht, in anderen Ländern vor Verfolgung Asyl zu suchen und zu genießen.“ (Art. 14, 1)
    In diesem Zusammenhang lenkt das PAX-Programm zum Thema Ortswechsel den Blick auf folgende Fragen: Wo wurde und wird aktuell Menschen das Recht auf Emigration und Freizügigkeit verwehrt? In den Blick geraten hier z. B. die restriktiven Ausreise-Regelungen der sozialistischen ehemaligen Ostblock-Staaten ebenso wie der aktuelle Umgang mit Flüchtlingen und die Handhabung von Asyl im europäischen Kontext, insbesondere in Deutschland. Wie werden Staat und Gesellschaft ihrer Verantwortung gegenüber Verfolgten gerecht?
  2. Ortswechsel und Flucht/Vertreibung
    Flucht und Vertreibung scheinen ein Kontinuum der Geschichte: in allen Erdteilen, zu allen Zeiten und bis in die jüngste Gegenwart wurden und werden Menschen verfolgt, zur Flucht gezwungen und/oder vertrieben. PAX 2008 möchte die Geschichte(n) von Betroffenen in unserem unmittelbaren gesellschaftlichen Umfeld ins Zentrum der Betrachtung stellen. Dabei sollen die mit der Reichspogromnacht am 9.11.1938 in schrecklichem Ausmaß realisierte Vertreibung und Vernichtung der europäischen Juden thematisiert werden – ebenso wie Flucht und Vertreibung deutschstämmiger Bevölkerungsgruppen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten (Sudetenland, Schlesien, Ostpreußen) in Folge des Zweiten Weltkriegs. Der Blick richtet sich hier – im Speziellen – auf Vertriebene aus Augsburg und dem schwäbischen Raum wie auf Vertriebene und Flüchtlinge, die hier Zuflucht gefunden haben. – Mit Rückbezug auf den Augsburger Religionsfrieden gilt auch religiös motivierten/basierten Fällen von Vertreibung bzw. Umsiedlung besonderes Interesse (z. B. „Austausch“ von orthodoxen Christen gegen Muslime aufgrund des türkisch-griechischen Abkommens von 1923).
  3. Ortswechsel und (religiös motivierte) Suche – Pilgerschaft
    Freiwillige Emigration bedeutet – wie auch immer geartete und motivierte – Suche: nach Meinungs-, Religions- und Gewissensfreiheit, nach einem Chancen und Perspektiven eröffnenden Lebensumfeld… (Politisches) Exil und „innere Emigration“ gehören in diesen Zusammenhang, auch die großen Auswanderungswellen zu verschiedenen Zeiten (z. B. auch von Deutschen im 19. Jahrhundert!) – wobei gerade hier deutlich wird, dass erzwungene und freiwillige Ortswechsel nicht immer scharf zu trennen sind. Häufig scheint hier das Motiv gegeben, dass „Orte“ bzw. der gesellschaftliche Kontext sich wandeln und (geistige) Heimat verloren geht.
    Ein wichtiger Sonderfall in diesem Themenkomplex ist die religiös motivierte Suche, manifestiert in der (physisch vollzogenen) Pilgerschaft oder der inneren Suche. In diesem Ansatz, der nahezu alle Glaubensgemeinschaften verbindet, eröffnet sich für PAX 2008 eine spezifische Plattform für den interreligiösen Dialog.
  4. Ortswechsel und Heimat/Identität
    Von Migrationsforschern werden die Folgen der Emigration zunächst mit Entwurzelung, Verlust der Sinnbezüge, sozialen Beziehungen usw. – mit dem Verlust der Heimat also – beschrieben. Doch: Lässt sich Heimat überhaupt an einem Ort festmachen? Tragen Menschen nach Heinrich Heines Begriff des „portativen Vaterlands“ ihr Zuhause, ihr Selbstverständnis und ihre Identität (unveränderlich) in und mit sich? Oder hat umgekehrt der „Ortswechsel“, die Begegnung mit dem „Anderen“ – mit fremden Kulturen, Denk- und Lebensweisen – Einfluss auf das eigene Verhalten und Selbstbild? Wie gehen Menschen mit den durch „Ortswechsel“ bedingten Erfahrungen um? Welche Veränderungen, Neudefinitionen (und Herausforderungen!) ergeben sich dadurch für den Einzelnen, für Gesellschaften und Kulturen?
    Jenseits formaler Zugehörigkeiten wie Staatsbürgerschaft, Nation und territorialer Verortung soll in diesem Themenbereich die Frage gestellt werden, wie kulturelle Identität sich bewahrt und/oder in einem veränderten Umfeld neu definiert wird. Dabei liegt es nahe, die aktive Begegnung mit Menschen in unserer Gesellschaft zu suchen, deren Verständnis von Heimat und Identität jenseits der üblicherweise bemühten „Verortungen“ liegt. Nach unserer Kenntnis könnte hier gerade der Dialog mit Juden, mit Menschen, die sich als „Weltbürger“/Kosmopoliten verstehen, wie auch z. B. mit Sinti und Roma jeweils neue Ansätze und Perspektiven eröffnen.
  5. Ortswechsel – Perspektivwechsel
    Temporäre Ortswechsel als Perspektivwechsel werden in unserer zunehmend „entgrenzten“ und globalisierten Welt mehr und mehr zur (notwendigen) Selbstverständlichkeit. Perspektivwechsel ermöglichen eine andere Sicht der Dinge. Sie erweitern die Möglichkeiten des Einzelnen und sind Schlüssel zum Verständnis des „Anderen“.
    PAX 2008 interessiert sich für Situationen und Aktionen, in denen Menschen Perspektivwechsel durchgeführt haben, die zum besseren Miteinander von Religionen, Konfessionen und Kulturen beitragen können (z. B. in Augsburg: der temporäre „Umzug“ der evangelischen Ulrichsgemeinde nach kath. St. Ulrich und Afra; bedingt durch die Restaurierung der evangelischen Ulrichskirche).
    Darüber hinaus wird Perspektivwechsel als wesentliches Prinzip zur Umsetzung und „Inszenierung“ des Programms verstanden. Der veränderte Blickwinkel ist Vehikel für den Dialog zwischen Kulturen und Religionen, für Austausch, Begegnung und Akzeptanz.

Mehr Informationen unter www.pax.augsburg.de

Horst Thieme am 14. 03. 2008

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